Andreas Dickhäuser
Fachleiter für Chemie

Seminarkonzept
für das Fachseminar Chemie

Personzentrierte Lehrerausbildung
Ich bin der Überzeugung, dass die Person als wichtigstes Medium unterrichtlicher Lehr- und Lernprozesse angesehen werden und deshalb im Kontext von Schule und Studienseminar personzentriert gearbeitet werden muss. Da es kein universelles Rezept für guten Unterricht gibt, sind drei Fragen zu klären:

Welcher Chemieunterricht "passt" zum angehenden Lehrer / zur angehenden Lehrerin?
Ist dieser Chemieunterricht den Schülerinnen und Schülern und der entsprechenden Schule angemessen?
Entspricht ein solcher Unterricht den gesetzlichen Rahmenbedingungen (Lehrplan, Schulinternes Curriculum, Sicherheitsbestimmungen, ...)

Die grundlegenden Wertvorstellungen der Person über sich in der Rolle des Lehrers / der Lehrerin müssen dabei bewusst gemacht und in Beziehung zu seinem / ihrem didaktisch-methodischen und pädagogisch-psychologischen Repertoire sowie den sozialen und gesetzlichen Rahmenbedingungen gebracht werden. Nur so lässt sich ein fachdidaktisches und pädagogisches Selbstkonzept (s.u.) entwickeln, das in der Betriebsamkeit des schulischen Alltags individuelle Orientierung ermöglicht.

Gesellschaftlicher Kontext
Die Chemie gewinnt in unserer Gesellschaft zunehmend an Bedeutung. Gleichzeitig nimmt das Interesse an und die Leistungsfähigkeit in allen naturwissenschaftlichen Fächern bei deutschen Schülern und vor allem Schülerinnen immer mehr ab. Aus anfänglicher Begeisterung und Entdeckerfreude wird in der weiterführenden Schule häufig Ablehnung. Schon jetzt beklagen Industrie, Wirtschaft und Hochschule, den (zukünftig noch steigenden) Bedarf an qualifiziertem Nachwuchs kaum mehr decken zu können. Umso dringlicher ist es, wieder mehr junge Menschen für die Chemie zu begeistern.

Konsequenzen für zeitgemäßen Chemieunterricht
Untersuchungen aus Fachdidaktik und Pädagogischer Psychologie zeigen: In einem zeitgemäßen Chemieunterricht gilt es - ausgehend von ihren eigenen Alltagserfahrungen - die Neugier und Freude der Schülerinnen und Schüler aufzugreifen und sie - fächerübergreifend - nach Lösungen suchen zu lassen. Durch das eigene Erleben, das genaue Beobachten und Beschreiben, durch eigenständiges Untersuchen, Experimentieren und Auswerten sollen sie Gesetzmäßigkeiten erkennen und erste Begriffsbildungen vornehmen. Auf diese Weise kann der Aufbau einer fundierten (insbesondere den spezifischen Anforderungen der Chemie gerecht werdenden) naturwissenschaftlichen Grundbildung gesichert werden. Jungen Menschen wird so langfristig die aktive Teilhabe an einer durch Naturwissenschaft und Technik geprägten Kultur ermöglicht. Zeitgemäßer Chemieunterricht erfordert deshalb von jedem angehenden Lehrer und jeder erfahrenen Lehrerin die wissenschaftlich fundierte Reflexion seiner/ihrer Unterrichtsplanung und Durchführung in Hinsicht auf dieses zentrale Erziehungsziel.

Ziele des Fachseminars
Im Fachseminar Chemie wird personzentriert ausgebildet. Das Fachseminar bereitet wissenschaftlich fundiert auf eine eigenverantwortliche Unterrichts- und Erziehungstätigkeit im Fach Chemie an Schulen vor und begleitet angehende Fachkolleginnen und -kollegen auf dem Weg zu professionellem Lehrerhandeln. Deshalb sind die Inhalte der entsprechenden Sitzungen obligatorisch. Im Zentrum stehen dabei stets konkrete Situationen aus der Unterrichtspraxis selbst. Viele Themen des Seminarplans sind deshalb als Vorschläge gedacht und können (je nach Bedarf der Teilnehmer) durch andere ersetzt werden.
Ziel der gemeinsamen Ausbildungsarbeit ist eine ständige Erweiterung der Handlungsmöglichkeiten in Hinsicht auf eine sinnvolle Planung, Durchführung und Reflexion von zeitgemäßem Chemieunterricht. Jede angehende Chemielehrerin und jeder angehende Chemielehrer soll auf der Grundlage der eigenen Wertvorstellungen ein eigenes fachdidaktisches Selbstkonzept entwickeln. Der individuelle Unterrichtsstil muss zur Person in der jeweiligen Situation passen um Neugier und Freude der Schülerinnen und Schüler am naturwissenschaftlichen Unterricht erhalten bzw. wecken zu können.

Verantwortlichkeiten
Im Rahmen der Ziele des Fachseminars gestalten die Lehramtsanwärterinnen und Lehramtsanwärter ihre Ausbildung eigenverantwortlich. Dies heißt im Einzelnen:

Die Lehramtsanwärterinnen und Lehramtsanwärter unterstützen sich in ihren Lernprozessen gegenseitig.
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Fachseminars planen ihr Lernen selbst. Sie sind für ihren Kompetenzerwerb mitverantwortlich, indem sie sich mit fachdidaktischen und pädagogisch-psychologischen Konzepten für zeitgemäßen Chemieunterricht auseinandersetzen, Elemente davon in der Praxis erproben und diese einer gründlichen Prüfung unterziehen. Sie werden sich ihrer privaten Theorien von gutem Chemieunterricht bewusst.
Sie sind zunehmend in der Lage, eigene Schwächen und Stärken in Hinsicht auf ihre Unterrichts- und Erziehungsfunktion zu erkennen und einen angemessenen Umgang mit diesen zu pflegen.
Die Lehramtsanwärterinnen und Lehramtsanwärter werden sich ihrer grundlegenden Wertvorstellungen in Hinsicht auf die Lehrerrolle bewusst. In Auseinandersetzung mit ihren individuellen didaktisch-methodischen und pädagogisch-psychologischen Fähigkeiten sowie den gesetzlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen entwickeln sie ihr fachdidaktisches und pädagogisches Selbstkonzept.

Ich als Fachleiter (mit eigenem fachdidaktischen Selbstkonzept) habe die Aufgabe,...

...die Lehramtsanwärterinnen und Lehramtsanwärter bei der Erreichung der Ausbildungsziele im Fach Chemie zu unterstützen und ihre Leistung am Ende der Ausbildung durch ein Gutachten zu bewerten, ohne ihnen dabei mein eigenes fachdidaktisches Selbstkonzept "überzustülpen".
...die Ausbildung so zu organisieren, dass alle obligatorischen Ausbildungsinhalte behandelt werden. Die Inhalte werden dabei dem aktuellen Stand der Forschung entsprechen.
...den Lehramtsanwärtern Lernen zu ermöglichen und sie auf ihrem individuellen Weg zur professionellen Lehrkraft zu beraten. Deshalb wird das Fachseminar regelmäßig gemeinsam evaluiert und weiterentwickelt.
...mit Kolleginnen und Kollegen am Studienseminar und Fachleuten aus Schule, anderen Studienseminaren, Universitäten und der Schulaufsicht zu kooperieren.

Organisation
Die Chemieausbildung am Studienseminar umfasst...

...eine zweistündige Fachseminarsitzung pro Woche mit obligatorischen und fakultativen Ausbildungsinhalten,...
...Studientage zum Selbststudium von fachdidaktischer und pädagogisch-psychologischer Literatur,...
...Gruppenhospitationen im Unterricht des Fachleiters / Systematische Unterrichtsbeobachtungen anhand von Videoaufzeichnungen aus dem Unterricht des Fachleiters,...
...Unterrichtsversuche,...
...Unterrichtsbesuche des Fachleiters mit anschließender Nachbesprechung sowie...
...Laborübungen an den verschiedenen Ausbildungsschulen.

Verwendete Literatur
BARKE, H.-D. & C. HILBING 2000. Image von Chemie und Chemieunterricht. In: Chemie in unserer Zeit 34, S. 17 - 23. VCH, Weinheim.
DEUTSCHES PISA-KONSORTIUM (Hrsg.) 2000. PISA 2000. Basiskompetenzen von Schülerinnen und Schülern im internationalen Vergleich. Leske & Budrich, Opladen.
FRANKL, V. E. 1991. Der Wille zum Sinn. Piper-Verlag, München.
GRAEBER, W. 1992. Untersuchungen zum Schülerinteresse an Chemie und Chemieunterricht. In: Chemie in der Schule. Nr. 39. Friedrich-Verlag, Seelze.
HAENISCH, H. 2002. Was wir über guten Untericht wissen. Zusammenfassung von Ergebnissen der empirischen Unterrichtsforschung. In: SchulVerwaltung NRW. 13. Jahrgang, Nr. 5. Carl Link Verlag, Kronach.
HORSTKEMPER, M. 1994. Eine Schule für Mädchen und Jungen. In: Schule - Zwischen Routine und Reform. Friedrich-Verlag, Seelze.
KOHSE-HÖINGHAUS, K., HERBERS, R. & H. JENETT 2002. Chemie - ein langweiliges Fach? In: SchulVerwaltung NRW. 13. Jahrgang, Nr. 11. Carl Link Verlag, Kronach.
MINISTERIUM FÜR SCHULE, JUGEND UND KINDER 2004. Ordnung des Vorbereitungsdienstes und der Zweiten Staatsprüfung (OVP) vom 11.11.2003 mit Verwaltungsvorschriften. Neue Deutsche Schule Verlagsgesellschaft, Essen.
ROST, D. H. (Hrsg.) 2001. Handwörterbuch Pädagogische Psychologie. Beltz-Verlag, Weinheim.
SCHAEFER, G. (Hrsg.) 2000. Wittenberger Initiative. Vorschläge zur Allgemeinbildung durch Naturwissenschaften. Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte e.V., Bad Honnef.
WEYERS, D. 2002. Standortfaktor "naturwissenschaftliches Kribbeln" bei Kindern. In: Schulverwaltung NRW. Nr. 4. Carl Link Verlag, Kronach.

Mitarbeit
An diesem Konzept haben mitgewirkt:

Astrid Dames (Lehrerin und Beratungslehrerin an der Realschule im Gustav-Heinemann-Schulzentrum Dinslaken),...
...Prof. Dr. Oliver Dickhäuser (Professor für Pädagogische Psychologie an der Friedrich-Alexander-Universität Nürnberg),...
...Tanja Rüchardt (Lehrerin an der Realschule Rees und Fachleiterin am Studienseminar GHR/Ge-SI Kleve) und...
...Dr. Birgit Meyer-Schwickerath (Ärztin mit logotherapeutischer Qualifikation in der Beratungspraxis Bottrop).

An dieser Stelle möchte ich mich herzlich für die äußerst konstruktive Zusammenarbeit der letzten Jahre bedanken!

Experimentalworkshop zu den neuen Bildungsstandards

''Laborübungen'': Das Fachseminar Chemie kooperiert mit dem Institut für Didaktik der Chemie an der Universität Duisburg-Essen (AG Prof. Dr. Elke Sumfleth und Prof. Dr. Karin Stachelscheid).


gez. Andreas Dickhäuser


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